Lebenslauf

Eberhard Fechner - Regisseur, Autor, Schauspieler

Eberhard Fechner, geboren am 21.Oktober 1926 in Liegnitz,Schlesien (Legnica,
VR Polen),

Regisseur

Sohn des Lehrers Paul Fechner und seiner Frau Charlotte, geb. Sternsdorff. Sein leiblicher Vater, der jüdische Student Helmut Schmuler, von dem er erst nach Kriegsende erfuhr, wurde im KZ ermordet.

Nach der Scheidung der Eltern wuchs Fechner bei seiner Mutter, die als Sekretärin arbeitete, in Schlesien, dann in Berlin-Mitte auf. Volksschule, Höhere Handelsschule; nebenher (1937-1940) Mitglied des Staats-und Domchors Berlin. Nach der Mittleren Reife begann er 1943 eine kaufmännische Lehre bei der UFA-Handels GmbH, wurde am 1.3.1944 einberufen und geriet im April 1945 in Krumau an der Moldau verwundet in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Nach Berlin zurückgekehrt, studierte Fechner 1946-1948 an der Schauspielschule des Deutschen Theaters. In den Kammerspielen des DT hatte er am 3.4.1947 sein Bühnendepüt in Gustaf Gründgens`Inszenierung von Evgenij Svarc` "Der Schatten".
1948 Engagement an die Kammerspiele in Bremen, er spielte u.a. den Beckmann in Borcherts "Draussen vor der Tür" . 1949-1952 an der Freien Volksbühne Berlin/West.
1951 gründete und leitete er mit Kollegen den Theaterclup im British Center und spielte im Kabarett Die Stachelschweine, am Renaissance-Theater, der Tribüne und am Hebbel-Theater; Sprecher beim Rundfunk und für Synchronisationen.
1953 wechselte er nach Hamburg, zunächst ans Theater im Zimmer, 1955 an die Hamburger Kammerspiele, 1957 nach Hannover an das Niedersächsische Staatstheater.
1960/61 Engagement als Regisseur am Schloßtheater Celle.
1961 geht er als Hospitant zu Giorgio Strehler nach Mailand, wo er am Piccolo Teatro zwei Jahre als Regie-Assistent arbeitete. Seine Beobachtungen bei den Proben zu
"Die Ausnahme und die Regel" und "Erinnerung an zwei Montage" dokumentierte er in dem Buch Strehler inszeniert.

1963 kehrte er in die Bundesrepublik zurück. Er war eine Spielzeit lang stellvertretender Intendant am Stadttheater Konstanz, bekam wegen seiner Inszenierung (mit Strehlers Bühnenbildner Luciano Damiani) von " Das Testament des Hundes" mit der Stadt Schwierigkeiten.
1964/65 Engagement als Schauspieler und Regisseur bei Kurt Hübner am Theater am Goetheplatz Bremen.
Sein letztes Theater-Engagement ging er 1968 auf Bitten des neuen Intendanten Egon Monk am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein, spielte in der szenischen Collage
" Über den Gehorsam" den KZ- Kommandanten Höß, bereitet eine Inszenierung vor, (Doppelkopf) er löst den Vertrag, als Monk nach kurzer Zeit zurücktrat.
Im Dezember 1965 begann er am NDR als Redaktionsassistent.

Fechner begann mit SELBSTBEDIENUNG, der Gaunerkomödie über einen Kaufhauseinbruch,einem Genre, das er mit DAMENQUARTETT (1968/69), FRANKFURTER GOLD (1979/71), Geheimagenten fortsetzte. Im Rückgriff auf tatsächliche Kriminalfälle entwickelte er dabei in Ansätzen die Technik, für die er bei seinen Dokumentarfilmen berühmt wurde:

"Durch umfassende Recherchen, systematisches Sammeln von Fakten und individueller Aussagen möchte ich Sachverhalte und Verhaltensweisen von Menschen so gewissenhaft wie möglich beschreiben,mit der Absicht, dem Zuschauer durch die Darstellung symtomatischer Einzelfälle auf unterhaltsamer Weise Einsichten zu vermitteln."(Fechner,1973).

Authentizität in den realistischen Details und Unterhaltsamkeit in der Präsentation verbinden sich auch in den Volksstücken aus dem hamburger Hafen-Milieu, die Fechner nach Büchern von und mit Helga Feddersen verfilmt hat: VIER STUNDEN VON ELBE1 (1967/68), GEZEITEN (1969/70).
1969 drehte er in Berlin seinen ersten "reinen" Erzählfilm NACHREDE AUF KLARA HEYDEBRECK, in dem er - ausgehend von dem eher zufällig ausgewählten Selbstmord einer alten Frau - versucht, das Leben dieser Frau durch Aussagen von Bekannten und Verwandten, durch Dokumente und Fotos zu rekonstruieren.

Mit Rudolf Körösi, drehte er Tausende von Metern Filmaterial, die er in wochenlanger Arbeit sichtete, zu Themenkomplexen zusammenstellte und so langsam eine geschlossene Form erarbeitete, die er dann mit der Cutterin Brigitte Kirsche montierte.
Beide - Körösi und Kirsche, wie auch Fechners Frau Jannet Gefken - hatten in der jahrelangen Zusammenarbeit entscheidenden Anteil an der Herausbildung des spezifischen Filmstils von Eberhard Fechner.

Nach diesem Portrait einer Proletarierin erarbeitete er im Laufe der Jahre weitere sogenannte Dokumentationen, die die Aspekte deutscher Geschichte in diesem Jahrhundert anhand von Einzel- oder Gruppen-Schicksalen beleuchten: KLASSENFOTO (1970) verfolgt das Leben kleinbürgerlicher Schüler des Lessing Gymnasiums in Berlin-Wedding; UNTER DENKMALSCHUTZ (1974/75) ist - ausgehend von einem Haus im frankfurter Westend - das Portrait einer Familie aus Großbürgertum und Akademikerkreisen.

" Jeder von denen, die in meinen Filmen von" Nachrede auf Klara Heydebreck" bis zu den "Comedian Harmonists" zu Wort kommen,hat diese Zeit anders erlebt und somit auch andere Erinnerungen.Aber bei keinem ist das private Leben unbeeinflusst geblieben durch die geschichtlichen Ereignisse.Kaum einen von ihnen war bewusst, in welcher Grössenordnung sein Leben von dem Gang der Geschichte abhing, und doch entstand am Ende jedes dieser Filme beim Zuschauer das Bild einer Epoche der jüngeren deutschen Vergangenheit, gesehen durch die Augen der im Film Berichtenden als Summe der unterschiedlichen Erfahrung, auch wenn diese zum Teil widersprüchlich interpretiert werden, manchmal sogar jeder historischen Erkenntnis wiedersprechend. Die Wiedergabe individueller Schicksale ist zugleich aber auch zwangsläufig eine supjektive Form zeitgeschichtlicher Darstellung:" (Fechner, 1979).

AUS NICHTIGEM ANLASS ist 1973 der einzige Versuch, die Technik der recherchierten Dokumentationen mit inszenatorischen Mitteln umzusetzen. Aus Gesprächen mit den Beteiligten an einem Mordfall entwickelte Fechner ein Drehbuch, das er dann wie einen Spielfilm inszeniert.

1974/75 entsteht der dreistündige Film TADELLÖSER & WOLFF über die Familie Kempowski in den Kriegsjahren in Rostock, 1978/79 der sechsstündige Film EIN KAPITEL FÜR SICH , der die Versuche der Familie Kempowski, sich ihre gutbürgerliche Existenz wieder aufzubauen, und die mehrjährige Haft der Familienmitglieder in DDR - Gefängnissen behandelt.

"Die Romantechnik Walter Kempowskis reiht linear Situation an Situation aus dem Leben der Rostocker Bürgerfamilie in den Jahren 1939 bis 1945 in Form von kleinen Erinnerungssplittern aneinander, bis sich dem Leser am Ende ein ausgedehntes Mosaik des Lebens in jener Zeit entfaltet, voll von längst vergessenen Einzelheiten." (Fechner, 1979).

Auf dem Roman Winterspelt 1944 von Alfred Andersch basiert der einzige Kinofilm (1977) von Eberhard Fechner, der das Bemühen eines deutschen Offiziers zeigt, mit seiner Truppe vor den Amerikanern zu kapitulieren, um so unnötiges Blutvergiessen zu vermeiden, der aber an militärischen Strukturen und Denkmustern scheitert. Ein Kriegsfilm, der ganz ohne Kampfhandlungen und Blutvergiessen auskommt.

Seinen Dokumentar - Zyklus, der "ein Panorama der deutschen Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts zeigt" setzt Fechner 1976 durch den 2-Teiler COMEDIAN HARMONISTS fort, der das Schicksal der Mitglieder der berühmten Gesangsgruppe aus den 20er und 30er Jahren bis zur Gegenwart verfolgt. (1988 veröffentlicht Fechner eine Buchdokumentation, die auf dem Film beruht).

1984 folgt IM DAMENSTIFT das Bild einer behüteten Gruppe adeliger Fräulein im Alter von 77 bis 88 Jahren.

LA PALOMA (1987/88), der Geschichte von 11 Seeleuten, zwischen 1899 und 1907 geboren, ist ein Film über die Geschichte der Seefahrt in diesem Jahrhundert von den Segelschiffen bis zu den Turbinendampfern.

1975-1984 entstand der Film DER PROZESS. Aus 70 Interviews, mit Richtern und Angeklagten, Opfern und Zeugen, aus Dokumentarfilmen, Fotos , Prozessberichten und Akten erarbeitete Fechner "eine Darstellung des sogenannten ,MAJDANEK-VERFAHRENS, gegen Angehörige des Konzentrationslagers Lublin/Majdanek in Düsseldorf. Es war das längste Strafverfahren in der Justizgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Für Fechner die wichtigste Filmarbeit.

"Ohne die Erfahrungen und Empfindungen der einen und der anderen Seite bis zur Unkenntlichkeit zu verrühren, baute er aus diesen antagonistischen Elementen einen Kontext - den Erfahrungszusammenhang, der in den Lagern die Häftlinge ihren Schlächtern ausgeliefert aber auch an die Häftlinge gefesselt, sie entmenschlicht und sie zu Schlächtern gemacht hat.Dieses Wagnis bestimmt die Architektur des Films, die nicht so sehr auf Rede und Gegenrede, auf den Mechanismus von Darstellung (der Täter) und Widerlegung ( durch die Opfer) basiert,sondern die Aussagen wie sich ergänzende Strukturelemente zusammensetzt." ( K. Kreimeier, Frankfurter Rundschau, 24.11.1984).

1986-87 hatte er das Drehbuch nach Ralph Giordanos Roman "Die Bertinis",geschrieben, wegen einer schweren Erkrankung konnte er den Film nicht realisieren.

Fechners Filme, die in unterschiedlicher Weise dokumentarische und inszenatorische, fiktive und reale Elemente zu einer eigenen Form verbinden, und die Fechner nicht auf die üblichen Begriffe "Dokumentarfilm" oder "Fernsehspiel" festlegen möchte, werden in mehreren Retrospektiven im In- und Ausland präsentiert.

" Deutsche Geschichte, zugleich deutsche Fernsehspiel-Geschichte, die Eberhard Fechner wesentlich mitbestimmt hat. Es ist weder die entrückte Kostüm- noch die Herren- oder Ereignis-Geschichte. Es ist auch nicht bedrängte Gegenwart, sondern ein Teil der Geschichte, der für normale Menschen heute erinnerungsfähig ist. Fechners Fernsehfilme zusammengenommen ergeben ein Panorama deutscher Lebens- und Leidensgeschichten, die vielleicht mehr über uns und unsere Zeitgeschichte sagen als viele wissenschaftliche und theoretische Abhandlungen." ( Ungureit,1979).

1990 drehte er den Film WOLFSKINDER eine Gerschichte über Flüchtlingskinder im Osten.

Neben seiner Regie-Arbeit übernahm Fechner gelegentlich Rollen in TV-Filmen,so im Film Ein Tag, im 5-Teiler BAUERN,BONZEN UND BOMBEN nach Fallada und DIE GESCHWISTER OPPERMANN nach Feuchtwanger, beides unter der Regie von Monk. In der Serie DIE KNAPP-FAMILIE spielte er die Hauptrolle des Vaters Paul.

Eberhard Fechner war seit 1977 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, seit 1984 Mitglied und- Stellvertretender Direktor der Abt. Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in West-Berlin. Er lebte mit seiner dritten Frau Jannet Gefken, die an seinen Filmen mitarbeitete, in Hamburg.

Das Drehbuch DIE GRUNEWALDVILLA hatte er beendet, bevor er am 7.August 1992 in Hamburg verstarb.

Einen Nachruf von Axel Corti können Sie sich hier herunterladen


Autor
Der erste Beste der vorüber geht, reicht zum Helden aus